Offenheit statt Einfachheit
Über Entwerfen ohne Dogma und den Anspruch,
jedes Projekt zum Maßstab zu machen.
Ein Gespräch mit Hadi Teherani über Haltung, Ganzheitlichkeit und die Frage, warum die stärksten Entwürfe oft dort entstehen, wo andere nur „Erfahrung“ fordern.
Hadi Teherani zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen der deutschen Architektur- und Designszene. Seine Gebäude sind weithin erkennbar – und doch verweigert er sich bewusst der Zielsetzung, eine Formensprache als verbindlich durchzusetzen. Stattdessen beschreibt er Entwurf als Entdeckung. Ort, Zeit und Aufgabe tragen die Antwort bereits in sich – man muss sie „nur“ erkennen.
Im Gespräch – an dem auch Elke Malek, Head of Design bei Hadi Teherani, teilgenommen hat – geht es um frühe Prägungen und unternehmerische Unruhe, um Markenarchitektur ohne Markenbuch, um das „Plus“, das aus Funktion Identität macht – und um die These, dass Regulierung nicht nur Qualität absichert, sondern auch Spitzen verhindert.
"Ich genieße immer gern alles zu hundert Prozent."
Können Sie ein wenig beschreiben, wie Sie damals während des Studiums an der TU Braunschweig gelebt haben?
HT: Ich habe relativ schnell eine interessante Wohngemeinschaft etabliert. Ich bin selten irgendwo nur anonym. Wenn ich in eine Stadt komme, versuche ich schnell, ihre Strukturen zu verstehen. Ich bin als Erstes nach Braunschweig rein und habe geschaut: Wie sind die Menschen hier? Was ist der Lifestyle?
Und ich war auch schnell mit dem Adel befreundet – um Braunschweig herum gab es ja von Münchhausen, von Feldheim, von Hardenberg, Prinzessin von Schleswig-Holstein. Ich war dort eingeladen; das war als Student natürlich gut: Du beschnupperst mehr vom Ganzen. Ich musste mein Studium selbst finanzieren und war in der Stadt schnell im Blickpunkt. Ich genieße immer gern alles zu hundert Prozent. Wenn ich in eine Stadt gehe, will ich etwas mitkriegen: vom Stadtleben, von den Menschen. Ich war insgesamt sieben Jahre in Braunschweig – und diese Zeit wirkt bis heute nach.
Sie sagen sieben Jahre Braunschweig. Danach sind Sie in ein Büro gegangen – wie ging es weiter?
HT: Ich bin direkt nach Köln – erster Job. Es war eine schwierige Zeit. Ich hatte mir gesagt: Ich bewerbe mich erst bei den Besten; wenn das nichts wird, gehe ich eine Stufe runter. Ich hatte Glück und wurde von Professor Schürmann eingeladen.
Wir haben damals den Deutschen Bundestag geplant. Und er fand mich wohl so interessant, weil ich mich als Iraner mit Hamburger Zungenschlag mit ihm unterhalten habe. So habe ich den Job bekommen. Ich habe dreieinhalb Jahre bei Schürmann gearbeitet und hatte dann den Drang, mich selbstständig zu machen. Ich habe ein Büro angemietet und gemerkt: Man braucht Geld. Geld hatte ich nicht. Also habe ich an der TH Aachen zwei Tage unterrichtet. Dann habe ich mir größere Büros genommen – und parallel eine Modeboutique aufgemacht, Herrenmode.
Da kam ich zum ersten Mal mit Marke in Berührung, weil ich eine eigene Marke brauchte – Logo, Name. Das hieß dann „Herrenhaus“ – Haus für Architektur und für Herren: „Herrenhaus – Made by Architects“. Drei Jahre habe ich Mode gemacht ... und bin über die Mode zu meinem ersten Architekturauftrag gekommen.
"Weil es so schnell ging, hatte ich keine Zeit nachzudenken. Ich war 24 Stunden unter Strom."
Hatten Sie damals – nach dem ersten Auftrag – schon eine eigene Handschrift? Oder entwickelte sich das erst langsam?
HT: Ich hatte ein Projekt, das musste in einem Jahr fertig werden: das Autohaus „Car & Driver“. Der Auftraggeber wollte nur Autos verkaufen, die Flügel im Logo haben – Aston Martin, Bentley, alles mit Flügeln. Also war Marke sofort wieder Thema. Und ich habe mir gesagt: Jetzt musst du das Haus so entwerfen, dass es etwas mit Autos zu tun hat. Wir haben dann viele Details aus dem Automobilbereich gemixt – mit Architektur.
Weil es so schnell ging, hatte ich keine Zeit nachzudenken. Ich war 24 Stunden unter Strom. Heute würden wir das in der Geschwindigkeit nicht schaffen, dafür braucht man eine Riesenmannschaft. Damals hatte ich keine: Studenten, keine Erfahrung. Auf der einen Seite wusste ich nicht, was ich tue. Auf der anderen Seite hatte ich den Anspruch, die Dinge, die ich mache, sehr detailliert und gut zu machen.
Und dann war es fertig – und plötzlich kam die Presse. Plötzlich interessierten sich alle, und ich stand auf einer Bühne, auf die ich eigentlich noch nicht gehörte. Du taumelst und denkst: Wow, warum interessiert sich jeder? Ich habe diese Energie genutzt, um auf der Spur weiterzumachen.
Wie lange hat es gedauert – über die nächsten Projekte hinweg – bis Sie sagen würden: Jetzt habe ich eine persönliche Handschrift entwickelt?
HT: Meine Handschrift war im ersten Projekt schon drin. Ich würde es heute nicht anders machen. Alles, was ich bis heute designen kann, war da schon entwickelt.
Genauso wie hier im Büro: Die Designsprache ist bereits 29 Jahre alt – das ist schon Denkmalschutz. Die Spur war gesetzt. Alles, was ich gelernt habe, habe ich bei Schürmann gelernt: den Werkzeugkasten der Moderne. Das Auge – wie Dinge aufeinandertreffen müssen, wie minimal das sein muss. Sensibilität. Sprache. Eine Betondecke hat eine Energie. Der Boden. Wie drückst du Leichtigkeit aus, wie Schwere? Wie sprechen Wand, Boden, Decke? Wie erzählst du Geschichten?
Das habe ich in kurzer Zeit inhaliert. Und das ist bis heute mein Vorgehen. Deshalb war das erste Projekt so gut – trotz fehlender Erfahrung.
Das klingt, als hätten Sie sich stark auf Ihr Gefühl verlassen.
HT: Ja. Es ist ein Mix aus Denken und Gefühl, was richtig ist. Man muss fühlen, was richtig ist. Das war vom ersten Tag an da.
"Ich hatte keine reichen Partner, bin in kein Büro eingestiegen. Das ist alles von Null aus entstanden."
Wenn Sie über den Begriff Identität nachdenken: Was heißt Identität für Sie persönlich und beruflich?
HT: Ich habe dafür nie Bücher gelesen oder mich theoretisch informiert. Alles ist aus eigenen Erfahrungen entstanden. Und das, was ich mache, bin ich. Auch wenn ich heute große Teams habe: Du erkennst, dass das, was wir tun, durch und durch eins ist – vom Lebensstil bis zu dem, wie ich arbeiten will, wie meine Umgebung sein soll. Ich hatte keine reichen Partner, bin in kein Büro eingestiegen. Das ist alles spontan entstanden.
Gab es einen Moment, wo Sie das „kodifizieren“ mussten – aufschreiben, fassen, weil das Team größer wurde?
HT: Höchstens gefühlsmäßig. Es war keine Zeit zum Denken da. Ich hatte eine hohe Geschwindigkeit. Du denkst nur: Wie schaffst du das nächste Ergebnis? Und dass das Ergebnis wieder so gut ist, dass keiner sagt: „Das Erste war ein Glücksfall.“
Mein Fokus war immer: Top-Produkte. Wie kommst du dahin, auch ohne perfekte Voraussetzungen, Top-Leistung abzugeben? Du treibst alles dorthin, setzt Maßstäbe. Ich habe das Ziel immer sehr weit vorgegeben, um es dennoch zu erreichen. Mein erstes Büro in Hamburg: High-End. Wenn du reinkommst, denkst du: „Erfolgreich seit 10, 20 Jahren.“ Aber es war das erste Büro. Weil der Anspruch an das Ergebnis da war. Und ob ich dabei Geld verliere oder verdiene, war egal. Es ging nur darum, ein Ergebnis hinzukriegen, das bemerkt wird.

Jetzt arbeiten Sie mit sehr unterschiedlichen Auftraggebern zusammen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie die Identität eines Auftraggebers verstehen wollen – Gespräche, Workshops, Methoden?
HT: Wir haben eine spezielle Methode, die in Architektur und Produktdesign dieselben Wurzeln hat. In der Architektur sage ich: Wenn ich ein Grundstück sehe, ist der Entwurf schon da – du musst diese Vorgaben nur erkennen, aufgreifen und umsetzen. Ich versuche, eine Aufgabe nach Gegebenheiten zu erfüllen. Ich quetsche nicht ein Wunschhaus irgendwohin. Ich suche aus Situation, Zeit, Ort, Gesellschaft den spezifischen Maßanzug.
Im Produktdesign ist es ähnlich: Wenn Firmen kommen, gehen wir zuerst in die DNA. Wie sind sie gegründet? Was machen sie? Wir entwickeln nicht „in unserem Sinne“, sondern im Sinne der Firma. Das Produkt ist dann genau das, was sie aktuell brauchen, um weiterzumachen.
Wir schauen uns die Dinge genau an, analysieren die Aufgabe – und entwickeln im Sinne der Aufgabe weiter. Unsere Teams sind darin sehr gut drin. Ich komme rein, und die Tafeln sind voll mit Moodbildern, Geschichten der Firma. Dann entscheiden wir die Richtung.
"Wenn du offene Augen hast, merkst du schnell, was richtig ist."
Trotz unterschiedlicher Auftraggeber erkennt man Ihre Gebäude. Ist das so: „Das ist ein Teherani“ – obwohl es für eine Marke gebaut ist?
HT: Ja, man kann erkennen, dass es von mir ist, obwohl es für die Marke ist. Das vereinen wir. Die Marke ist nicht so stark, dass sie nichts mit uns zu tun haben darf – unsere Handschrift gehört dazu.
Ein Beispiel: DVAG. Für die haben wir ein Schulungszentrum entworfen. Der Entwurf war bereits akzeptiert und sollte so gebaut werden. Ich bin nach der Vorstellung nach Hause gefahren und habe mir gesagt: Nein, wir machen etwas anderes. Weil ich gespürt habe: Die sind so auf ihr eigenes Ding fokussiert. Dann habe ich ihr Logo genommen – und habe das Gebäude aus dem Logo heraus entwickelt.
Zuerst waren sie irritiert: Der Entwurf war ja schon akzeptiert. Ich sagte: Ihr bekommt jetzt euren Stempel. Und was ist passiert? Wir haben zehn, zwölf weitere Aufträge bekommen, weil die gar nicht mehr anders bauen konnten. Schulen, Zentren – das musste alles aus diesem Prinzip heraus entstehen. Und mit so einem Zaubertrick machst du aus einem Auftrag plötzlich 14, verteilt in ganz Deutschland.
Du musst Marke spüren, Menschen spüren, was eine Firma aussagen will, wohin sie will. Wenn du offene Augen hast, merkst du schnell, was richtig ist.
Es gibt ja Architekten, die ihre eigene Sprache noch stärker durchsetzen möchten. Wie schauen Sie darauf?
HT: Für mich wäre das zu eingeschränkt. Es gibt viele berühmte Architekten. In Deutschland gab es Ungers – der hat immer Quadrate gemacht, quadratische Fenster. Und das wurde irgendwann zum Dogma. Jeder hätte sich gewundert, wenn er mal etwas anderes gemacht hätte.Ich lasse die Skala offen. Ich drücke nicht „meine Marke“ rein, weil ich das so haben will. Ich entwickle aus dem Grundstück, aus dem Kontext die Dinge. Natürlich in meiner Handschrift. Und am Ende ist das auch wieder abzulesen.
EM: Und es entwickelt sich ja ohnehin alles weiter. Technologie bringt immer neue Werkzeuge. Dinge, die es früher nicht gab. Es gab keinen 3D-Drucker, als wir angefangen haben. Auf einmal entstehen Möglichkeiten. Die testest du aus: Was ist unsere Antwort mit diesen Tools? Das Spektrum erweitert sich.
HT: Aber beim Entwurf musst du ein Gefühl haben. Das bleibt gleich. Wenn ich hier im Hafen etwas baue, wo eigentlich gar kein Baugebiet ist – und die Form wird zum Wahrzeichen für Hamburg: Dann spürst du den Genius Loci. Du spürst die Antwort. Und die Antwort darf eben nicht aussehen wie ein normales Bürohaus.
Und dieses Bürohaus bietet eine öffentliche Piazza auf dem Dach an, die jeder nutzen kann, für einen weiten Ausblick. Plötzlich wird aus einem Bürohaus ein Identitätsmerkmal für die Stadt. Ob das hier ist oder die Kranhäuser in Köln: Die werden mittlerweile öfter fotografiert als der Dom.
"Ich will, dass mich die Welt überrascht. Das ist eine Haltung."
Zwischen den Zeilen höre ich immer wieder Nutzbarkeit, Lokalbezug, Ganzheitlichkeit – und manchmal eine Überraschung. Sind das die wesentlichen Parameter, die Ihr Denken und Handeln leiten?
HT: Ich bin kein Künstler. Ich erfülle eine Aufgabe. Wenn du Räume für Menschen schaffen sollst, dann schaffst du die besten Räume für Menschen – unter schwierigsten Bedingungen: Städtebau, Budget etc.
Du fasst das zusammen und schaffst Räume als Dienstleister. Wenn dabei Objekte herauskommen, bei denen andere sagen: „Das muss ein Künstler sein“, dann ist das nur das Ergebnis intensiver Arbeit – nicht „von innen nach außen“ als Skulptur gedacht.
EM: Wir sind nicht diese „markanten“ Architekten, die eine Formensprache vertreten. Bei uns haben die Dinge alle eine Funktion. Man kann sagen: Die Form folgt der Funktion – und auch einer Identität. Aber am Ende zählt: Stimmt der Raum in den Proportionen? Fühlt man sich wohl? Stimmen Materialität, Maßstab, Energie für die Menschen in diesem Gebäude?
Das basiert auf einer fundierten Grundausbildung – die heute manchmal vergessen wird, weil die Visualisierung schnell da ist und das Bild „cool“ aussieht. Aber einen Ort zu haben, der wirklich funktioniert – im Maßstab zum Menschen, in den Details. Das ist etwas anderes.
Mir ging es am Anfang mit Zaha-Hadid-Gebäuden so: Beim ersten Betreten war das eine neue Erfahrung. Manchmal konnte man fast „seekrank“ werden, weil es keinen rechten Winkel gibt. Für ein Museum, in dem man sich nicht täglich aufhält, ist das spannend. Aber ein Produkt – ein Ort – muss am Ende in allen Details funktionieren.
HT: Und wir können das, weil wir Gestaltung als Handwerk verstehen. Wir denken ganzheitlich: an gestern und vorgestern, an die Menschen, die dort arbeiten, an Budget, Nachhaltigkeit. Wenn du alle Fragen beantwortest, kommt das Produkt heraus.
So sehr ich solche Gebäude schätze: Man würde sich wundern, wenn ich plötzlich einen Glaskubus bauen würde. Was ist da passiert?
Aber wir können Gebäude bauen, die fließen wie bei Zaha Hadid; wir können Kuben bauen wie Mies van der Rohe – oder etwas wie Oscar Niemeyer. Weil wir ein offenes Radar haben. Und mir war immer wichtig, mich nicht zu früh einzuschränken. Ich will, dass mich die Welt überrascht. Das ist eine Haltung.
EM: Als Hadi anfing, Design zu machen und da auch keine Limits hatte: was verkörpert man, in welche Richtung spezialisieren wir, haben wir angefangen, Produktmarken-Stammbäume zu entwickeln. Damit haben wir uns lange beschäftigt und letztlich festgestellt: Mit der Haltung kannst du eigentlich alle Aufgaben erfüllen.
Viele Kunden wollen Spezialisten, oder sie wollen eine eindeutige Handschrift – „jeder soll sehen, dass Gehry mein Haus gebaut hat“. Das gibt es. Aber das ist nicht unser Ansatz.
HT: Wir nehmen die Arbeit ernst. Du lügst dich nicht in Rollen. Wenn wir eine Aufgabe bekommen, nehmen wir sie ernst – egal was es ist: ob Vogelhaus oder Manschettenknopf.
Qualität ist intensive Arbeit, bis es gut wird. Und dass wir nicht 100 Prozent geben, sondern 100 Prozent plus. Wir erfüllen nicht nur die Aufgabe. Hier haben wir nicht nur „ein Bürohaus“ gebaut, sondern wir geben der Stadt etwas, wir geben Menschen einen Raum – dieses Plus macht es aus.
Würden Sie sich eher als Designer oder als Architekt begreifen?
HT: Ich bin Architekt. Aber für mich sind die Grenzen zum Design fließend. Gebäude sind auch designt. Der eine Maßstab ist größer, der andere feiner. Aber trennbar ist es für uns nicht.
Was macht für Sie ein gutes Briefing aus?
HT: Ein gutes Briefing vereinfacht die Dinge. Viele sagen: „Ich wäre freier ohne Briefing, dann kann ich diktieren.“ Aber ohne Berührung mit den engen Rahmenbedingungen funktioniert es nicht. Und ein Briefing ist ja nicht nur ein Blatt Papier: Da kommt das Raumprogramm, Fragen zum Städtebau, zur Nachhaltigkeit, zur Gesellschaft.
Wir haben früh angefangen, Bürohäuser zu bauen. Damals gab es viele Einzelbüros mit geschlossenen Wänden. Wir haben das in den 90ern aufgebrochen und den Menschen ein anderes Lebensgefühl beim Arbeiten gegeben. Wir haben immer vorgedacht. Nicht wie ein Musterschüler nur eine Aufgabe erfüllt. Wir erfüllen auch, aber wir verschenken zusätzlich einen großen Blumenstrauß, der in seinen vielfältigen Möglichkeiten täglich neu erstrahlt und dabei nie verwelkt.
Gibt es Situationen, in denen Sie sagen: Das ist kein Projekt für uns?
HT: Das gibt es bei uns praktisch nicht. Es müsste schon etwas ganz Komisches sein. Unsere Aufgabe ist: aus dem Projekt das Beste herausholen. Und es gibt auch keinen „schlechten Bauherrn“ – egal wie schwierig jemand ist, wir versuchen, ihm zu seinem Glück zu verhelfen. In seltenen Fällen ist jemand so hartnäckig, dass er Qualität reduziert – aber grundsätzlich: Wir bringen die Bauherren auf dieses Niveau.
"Wenn ich es will, mache ich es. Ich funktioniere unternehmerisch: nicht darüber reden, sondern umsetzen."
Gibt es etwas, das Sie noch nicht gemacht haben – und gern machen würden?
HT: So etwas gibt es nicht. Wenn ich es will, mache ich es. Ich funktioniere unternehmerisch: nicht darüber reden, sondern umsetzen. Sobald ein Gedanke kommt, kommt parallel die Idee: Wie setzen wir es um? Wir machen jetzt erneuerbare Energien in der Firma. Im Produktdesign machen wir ohnehin alles. Vom Stoff über Manschettenknopf, Fußboden, abgehängte Decken – sogar Dinge, die vermeintlich „uninteressant“ sind. Wir stellen uns einer Aufgabe. Und komischerweise findet sich selbst bei der banalsten Aufgabe noch ein Fenster, das die Aufgabe lebendig werden lässt.
EM: Als Designer kann ich sagen: Durch die Referenzen aus der Architektur entsteht ein besonderer Level. Man kann entspannter über Produkte nachdenken und plötzlich ein neues Bild geben. Und das nutzen Firmen dann auch: Hadi kann das verkörpern. Man hätte es vielleicht auch mit einem anderen Designer machen können – aber der kann es nicht verkörpern. Und dann glaubt man nicht daran.
Ich habe mich bei Hadi beworben, weil er um 2000 diesen mobilen Faltarbeitsplatz entwickelt hat. Damals war „New Work“ Thema, aber klassische Designbüros durften nur im System entwerfen. Out-of-the-box eine Kategorie zu erfinden, war mit Architekten-Background leichter. Standing und Referenzen helfen: Berliner Bogen, Kranhäuser – diese Ingenieurslogik nimmt man ihm ab. Das ermöglicht Transfer, und Firmen wie Interstuhl konnten darüber auch als Marke wachsen.
HT: Wir hatten „grüne“ Gebäude, bevor darüber geschrieben wurde – Holzkonstruktionen, Grünflächen im Gebäude. Vieles, was heute gefordert wird, hatten wir vorher. Und das war möglich, weil es in der Architektur Referenzen gab: Beispiele, Know-how – und weil man das übertragen konnte.
EM: Es ermöglicht andere Wege. Und Interstuhl war eine Firma, die bei Architekten nicht bekannt war – und konnte sich dennoch mit unserem Stuhl ein komplett neues Segment erobern. Auf einmal sind sie durch Europa getourt, haben überall Events ins Leben gerufen, Hadi eingeladen, Vorträge veranstaltet – und hatten dadurch einen ganz anderen Transfer. Sie wurden als Marke bekannter. Das ist schon ein großer Anspruch.
Ja – ich finde das persönlich extrem faszinierend: wie Sie über die Architektur sich eigentlich die Erlaubnis genommen, nicht geholt haben ..., sondern sich das Feld erarbeitet haben, um das dann in sämtliche andere Bereiche zu übertragen und konsequent in Design umzusetzen, in umfassender Hinsicht.
HT: Wenn du so gute Vorbilder hast wie das Bauhaus: Wenn die Jungs das gekonnt haben damals, wieso soll ich das jetzt nicht können? Wir haben alle schöne Möbel entworfen, die heute noch Klassiker sind. Es gibt doch von Architekten mehr Klassiker als von „reinen“ Designern.
Das klassische Produktdesign ist ja auch eine jüngere Disziplin als die Architektur. Von Gropius, van der Rohe, Le Corbusier – die haben alle Dinge gemacht, die heute noch jeder haben möchte.
Haben Sie viele Kunden, die Ihnen erlauben, wirklich ganzheitlich zu arbeiten – Architektur, Interior, bis hin zur Story?
HT: Eher nicht. In der Architektur: Die kommen und wollen ein Gebäude – und dann möchten sie sogar, weil das Mode geworden ist, dass der Architektur nur noch 30, 40 Prozent der Mittel zugestanden werden, die ihr notwendigerweise zustehen. Damit kommen die Mitbewerber bis zum Bauantrag, und dann leiden natürlich zwangsläufig die Details.
Aber dass du viel mehr liefern kannst – sodass es ein Gesamtobjekt wird –, das findest du höchstens bei Leuten, die es für sich selbst realisieren wollen. Leute, die für einen Markt bauen, die interessiert das nicht.
Aber jemand, der eine Firmenzentrale für sich bauen will: ja. Da machen die dann mit. Und es gibt auch ein, zwei Wohnungsbauprojekte, die eine „Hadi-Teherani-Ausstattung“ bekommen. Gibt’s auch. Die werben dann gern damit, weil sie plötzlich erkannt haben: Oh, vielleicht können wir den Kunden eine Story erzählen – über den Architekten. Dann benutzen sie mich natürlich gerne als Sinnstifter.
Ich hatte gesehen, dass Sie – ich glaube, ein Sommerhaus – vor nicht allzu langer Zeit gestaltet haben. Das Reetdachhaus, richtig. War das für Sie eine Möglichkeit, so etwas ganzheitlich durchzuziehen?
HT: Nein. Das war einfach ein Haus in einer Reetdachsiedlung, in der nur Reetdachhäuser standen. Also war klar: Dann muss da auch ein Reetdach drauf. Aber wir mussten eine Sprache finden – nicht traditionell wie alle anderen. Ohne zu überfordern. Und mittlerweile fahren alle hin und schauen es sich an.
"Für neue Konzepte brauchst du Freiheit im Denken – andere Länder bieten da oft mehr Möglichkeiten."
Hat sich das – vom Haus zu den größeren Auftraggebern – in den letzten 10–15 Jahren verändert? Ich würde gern Ihr Gefühl abholen: Sie meinten gerade, dass punktuell immer schmalere Leistungen vergeben werden. Hat sich das verändert? Oder ist es gleich geblieben, und die Leute regen sich nur mehr auf?
HT: Für uns ist das Büro immer mal groß, mal kleiner, mal größer, mal kleiner. Aber die Art, wie wir leben – mit der Architektur –, was wir tun, ist gleich geblieben.
Der Markt verändert sich immer. In schlechten Zeiten suchen die Leute eher Ideen, wie sie sich herausstellen. In guten Zeiten interessiert Architektur weniger – da wird verkauft und vermietet, was da ist. In engeren Zeiten überlegst du: Was kann ich machen, damit die drei Mieter, die es gibt, zu mir kommen? Das geht über Architektur – indem du bessere Architektur bietest.
Gleichzeitig hat sich das Niveau entwickelt: richtig schlechte Architekten gibt es nicht mehr so viele. Vieles ist Mittelmaß, daran orientiert sich alles. Aber echte Spitzen sind hier seltener geworden – die findest du eher in Ländern, in denen mehr Raum gelassen wird.
Hier fehlt der Raum. Hier ist alles schon vorgedacht. Bebauungspläne definieren Höhe, Breite, Bauflucht. Du kannst vielleicht bei der Fassade noch etwas variieren, aber der Rahmen wird immer enger. Für neue Konzepte brauchst du Freiheit im Denken – andere Länder bieten da oft mehr Möglichkeiten.
Was ist für Sie der spannendste Ort, um Architektur zu verfolgen – auf der Welt?
HT: Spannend ist es eigentlich überall. Mehr passiert dort, wo man finanziell so aufgestellt ist, dass man sich Dinge leisten kann. Hier ist es eher so: jeden Zentimeter möchte man genau kalkulieren – kein zu viel, kein zu wenig. Aber experimentiert wird hier nicht.
Und das hat auch mit Regulierung zu tun. In Deutschland hat man lange gesagt, Mixed-Use geht nicht: Wohnen, Arbeiten, Hotel. Im Ausland ist das Alltag. Hier denkt man alle Probleme vorher – Aufzüge, Kinderwagen, Realteilung – statt es einfach zu machen und zu lernen.
Die Städte geben den Rahmen vor – manchmal so eng, dass mögliche Spitzen schon vorab scheitern. Das Normale ist hier sehr gut, aber das Außergewöhnliche entsteht schwerer.
"Wir bauen gern Dinge, die Identitätsstützen sind."
Wenn Sie über sich nachdenken – als Architekt, Gestalter, Unternehmer: Was würden Sie hinterlassen wollen?
HT: Ich will nur Dinge, die funktionieren, die möglichst lange funktionieren und die nachhaltig funktionieren. Das andere bestimmen dann andere: ob es das Richtige ist, was man hinterlässt.
Dieses Gebäude hier hat Denkmalschutz bekommen. Das haben andere erkannt und gesagt: Das ist Kulturgut. Wir bauen gern Dinge, die Identitätsstützen sind.
Und ich gebe Gebäuden Spitznamen, während wir daran arbeiten – und oft ist genau dieser Name später der Treffer. Kranhäuser. Tanzende Türme. Dockland. In Hamburg heißt sogar eine Haltestelle Dockland – dabei war das unser Arbeitstitel. Damit schaffst du Marke, Identität.
Natürlich könnte man das alles auch „klassisch“ vermarkten – Broschüren, Kommunikationsdesign, Filme, Fotos. Beim Stuhl fing das an: dass wir nicht nur das Produkt entwerfen, sondern auch die Sprache der Bilder. Nicht so ein klassisches Büromöbel-Set, das irgendeine Agentur baut – ich arbeite mich da lieber selbst rein. Das ist sehr intuitiv.
Das klingt für mich total intuitiv. Ich gucke ähnlich darauf – deshalb fand ich es so spannend, da mehr zu lernen.
HT: Wir beschäftigen uns täglich damit – und wir können Dinge auf den Punkt bringen. Ich kann einem Werber sofort Sprüche geben, eine Markenidentität in zwei Worte fassen – auf Knopfdruck. Aber die Freiheit nehmen sich wenige.
EM: Wenn man sagt: „Der Entwurf ist schon da, du musst ihn nur erkennen“, klingt das leicht – aber dahinter steckt eine fundierte Leistung. Und klar: Eine Agentur lebt nicht davon, dass du in zwei Minuten sagst „da ist der Spruch“ – es braucht Prozesse und Erfahrung.
Aber gerade auch heute, in Zeiten von KI, zählt der menschliche Impuls – Bauchgefühl, Emotion, Maßstab. Nicht nur Rationalität, Daten und Analysen. Das macht das Ganze einzigartig und nicht kopierbar. Da kann auch keiner kommen und sagen: Wir machen das auch so.
So wenig wie wir sagen können: Wir bieten dieses Produkt einer anderen Firma an. Das ist ja nur für die ursprüngliche Firma entworfen – und wir können nicht, wenn sie das nicht mehr produziert, woanders hingehen und sagen: „Mach du das.“ Das ist dann an die Marke gebunden.
HT: Wir fühlen uns in der Lage, selbst Farbskalen zu entwickeln, Designtrends zu setzen, Dinge so zurechtzulegen, wie es sein muss. Und das kommt nur daher, dass man Wissen der Vergangenheit und Wissen der Zukunft zusammenbringt.
Wenn man ein ganzheitlicher Mensch ist, alles sieht – Gesellschaft, Geschichte etc. –, dann kommt automatisch das Richtige raus. Ohne eine große Philosophie. Die haben wir gar nicht.
EM: Aber man hat eine klare Haltung. Nicht theoretisch – eher als Persönlichkeit. Wir arbeiten ja auch immer in Gebäuden, die aus dem Büro und von Hadi Teherani kommen – um das jeden Tag zu spüren: wo man steht, wozu man gehört. Mit den Kunden ist das genauso.
"Haltung ist das Zauberwort."
HT: Haltung ist das Zauberwort. Gebäude mit Haltung haben Qualität. Beliebiges kann man austauschen. Und genauso ist der Mensch zu betrachten: Menschen, die eine gewisse Haltung haben, imponieren einem mehr als Menschen, die irgendwie mitschwimmen.
Das kannst du nicht in eine Formel packen. Es gibt Markenbücher und Gerüste – klar. Aber dieses Etwas, dieser Impuls, dieses Bauchgefühl: Das kann man nicht in Worte fassen. Und deshalb ist es auch nicht kopierbar.
Bei mir haben 1.600 Leute gearbeitet – mittlerweile vielleicht 1.700. Viele sind selbstständig geworden. Und ich habe kaum Übereinstimmungen in der Haltung gefunden.
EM: Dieser Überraschungsmoment, der immer wieder kommt. Und auch diese Offenheit: nicht zu sagen „ich hab jetzt rausgekriegt, Quadrate sind das Rezept“, sondern zu sagen: Wo geht die Reise hin? Wo geht die Zukunft hin?
Jetzt gibt es KI, jetzt gibt es erneuerbare Energien – und dann gibt es bei uns im Büro kein „interessiert uns nicht“. Sondern: Das, was jetzt kommt, wird untersucht. Obwohl man ein etabliertes Büro ist. Das überrascht immer wieder. Und das ist anstrengend. Es ist wunderschön, aber wirklich anstrengend. Keine Langeweile – aber auch kein Selbstläufer.
HT: Für die Mitarbeiter ist das auch so: Die wundern sich – schwupps, stehen plötzlich neue Namen am Klingelschild. „Was ist das denn?“ – „Das ist meine Entwicklungsfirma, die Solarfirma.“ Die Mitarbeiter müssen immer mit Überraschungen rechnen.
"Für das Besondere brauchst du ein unkalkulierbares Rezept."
Mein Eindruck ist: Ihre verbindende Komponente ist auf einem anderen Level. Nicht kodifiziert wie im Markenbuch, sondern subtiler. Es gibt wiederkehrende Muster – das finde ich faszinierend. Und das Schöne ist: Zum einen sind Sie hier, und zum anderen hier in diesem Gebäude. Und Sie vermitteln auch Ihren Mitarbeitenden immer wieder ein Gefühl. Ich spüre das im Gespräch, und ich spüre es, wenn ich unten zur Tür reinkomme. Das finde ich unglaublich faszinierend.
HT: Und wenn man diese Plattform schafft, dass solche Sachen passieren können ... für mich war das von Anfang an wichtig, mich vorzubereiten auf das Nächste, was kommen kann, obwohl ich nicht weiß, was kommt.
Dass ich mental etwas vorbereiten kann: Wenn plötzlich viele Aufträge kommen, will ich nicht sagen „das schaffe ich nicht“. Oder wenn Aufgaben aus ganz anderen Bereichen kommen. Ich versuche, die Basis so zu gestalten, dass ich vorbereitet bin auf das Nächste, was ich noch gar nicht kenne.
EM: Und es gibt selten eine Aufgabe zweimal – wirtschaftlich ist das natürlich unter Umständen der totale Wahnsinn. Aber ich glaube: Dieses Humanistische ist dann schon gut. Das entspricht uns mehr. Das ist vielleicht auch das, was jetzt wieder einen Unterschied macht.
HT: Viele fragen: „Hast du schon mal eine Bank gemacht?“ Aber alles ist irgendwann das erste Mal. Unsere erste Bank war ein Kracher. Unser erstes Spa hat 16 Awards. Trotzdem glauben viele an Erfahrung als Rezept.
EM: Für das Besondere brauchst du ein unkalkulierbares Rezept.
HT: Das ist schwer zu vermitteln – dass wir sozusagen spezialisiert sind auf alles. Es kommt kein Krankenhausbauer zu uns und sagt: „Macht uns ein Krankenhaus.“ Aber ich weiß: Wenn wir die Aufgabe Krankenhaus neu denken würden, wäre es das beste Krankenhaus.
Zu viele Regularien machen betriebsblind. Dann geht Freiheit verloren. Dann geht man nicht mehr vom Menschen aus.
Mein erstes Projekt – das Autohaus: Da kam Rolls-Royce an und sagte: „Das wäre das schönste Autohaus – weltweit.“ Da denkst du: Das war meine erste Aufgabe. Das war 1990. Damals verkaufte man Autos in irgendeiner Bude, ein paar Lampen an der Decke.
Bei uns hatte das schon alles: Glas, das gekippt ist, damit keine Spiegelung stört. Das Logo der Autos in der Konstruktion. Überall der Flügel. Die Leichtigkeit aus der Automobiltechnik. Aluminium und Glas in einer Ebene. Das gab es damals nicht. Diese Glashalterungen waren die ersten punktgehaltenen Glasscheiben in Deutschland. Alles – ohne das geringste vorher darüber zu wissen.
Mein erstes Projekt. Darüber kann ich zwei Stunden Storys erzählen, obwohl es 35 Jahre her ist.
"Aus meiner Erfahrung ist das Gefühl das Wichtigste."
Man kann deutlich spüren: keine abstrakte Philosophie – aber eine Haltung, eine Herangehensweise. Das ist wichtig. Gibt es noch etwas, das Sie gern mitgeben möchten?
HT: Es gibt Firmen, die eine Markenidentität haben. Architektur: BMW zum Beispiel mit dem Zylinderhaus und so. Das ist daraus entwickelt. Viele Unternehmen haben es nicht. Wir versuchen, den Unternehmen, für die wir bauen, das mitzugeben: eine Corporate Architecture.
Ich hatte ja auch mal vor 25 Jahren – ich glaube „Spiegel“ oder auch „Handelsblatt“ – die haben DAX-Unternehmen untersucht, welche eine markenspezifische Architektur haben. Ich habe dazu mal ein Interview gegeben. Vielleicht findet man den Artikel noch.
Dinge, die Leute, die Marke studiert haben, viel besser wissen. Ich habe noch nie ein Markenbuch gelesen. Ich mache das aus dem Gefühl heraus. Man kann lernen, sich informieren – aber aus meiner Erfahrung ist das Gefühl das Wichtigste.
Genau das fand ich in unserem Gespräch extrem spannend: Es geht bei Ihnen weniger um Methoden oder Werkzeuge, mehr um das Gefühl dahinter. Um die verbindenden Elemente – Haltung, Aufmerksamkeit, Konsequenz.
HT: Genau das ist vielleicht auch bezeichnend: Gute Arbeit entsteht nicht aus Protokollen oder Regeln, sondern aus Haltung. Aus dem Gespür für das Richtige. Und aus der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – für das Ergebnis, für den Ort, für die Menschen.
Vielen Dank für das spannende Gespräch und Ihre Zeit.

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