Verwaltet, nicht gestaltet – Kritik zum Re-Design des Auftritts des Landes Hessen

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Das neue Erscheinungsbild des Landes Hessen wirkt auf den ersten Blick wie die visuelle Umsetzung eines alten Vorurteils: „Jeder hat das Image, das er verdient.“ Was als vermeintliche Modernisierung angekündigt wurde, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ästhetische Selbstvergewisserung – perfekt in ihrer Biederkeit, aber fern jeder zeitgemäßen Kommunikationsaufgabe.

Wir haben das erste Viertel des 21. Jahrhunderts hinter uns. Die Frage kann nicht mehr lauten, ob heraldische Elemente generell zeitgemäß sind – sie können es durchaus, wenn sie authentisch weiterentwickelt werden. Entscheidend ist vielmehr: Aus welcher Motivation wurde dieses Projekt angestoßen? Welche Ziele verfolgten die Verantwortlichen? Eine Antwort darauf scheint das Ergebnis nicht zu geben.

Deutschland verfügt über eine beeindruckende Designkultur. Zu den bekannten Namen zählen unter anderem Behrens (Werkbund), Bauhaus (Moholy-Nagy), Aicher (HfG Ulm), Tschichold, Deffke, Eidenbenz (Braunschweig) sowie Fleckhaus, Weidemann und Leu, um nur einige zu nennen. Auch heute gibt es junge, kreative Gestalterinnen und Gestalter, die einer Aufgabe wie der von Hessen mehr als gewachsen wären. In diesem Sinne gibt es auch eine Verantwortung, die hauptsächlich bei der Verwaltung liegt. Diese muss Gestaltung nicht nur unterstützen, sondern als vorbildlicher Auftraggeber Qualität und Innovation fördern – auch zum eigenen Vorteil.

Was vorliegt, ist ein minimalistisches Set: ein Zeichen, ein Schriftzug, eine bedingt bildschirmtaugliche Schrift, einige Farben. Gemessen an den tatsächlichen Anforderungen moderner öffentlicher Kommunikation wirkt dieses Re-Design nicht wie eine durchdachte Lösung, sondern wie ein Rückzug ins Dekorative. Die Frage drängt sich auf: Soll mit dieser visuellen Sprache wirklich die Vielfalt der Stakeholder erreicht werden – Bürger, Wirtschaft, Gesellschaft? Kann dieser Auftritt überzeugen, geschweige denn begeistern?

Heute geht es um mehr als nur ein neues Logo. Gefragt ist ein flexibles und robustes Kommunikationssystem, das in der komplexen Medienwelt nachhaltig wirkt, sich von kommerzieller Kommunikation abhebt und die öffentliche Dienstleistung erkennbar macht. Derartige Projekte verlangen nach glaubwürdigem Verantwortungsbewusstsein und strategischer Tiefe. Wenn Design nachhaltig funktioniert und wirkt, wird es zu einer lohnenden Investition – ein schlechtes Re-Design ist schlichtweg zu teuer.

Ein Blick auf die Ergebnisse der letzten Landtagswahl zeigt: Die aktuelle Regierung kam auf 49,7 Prozent der Stimmen, doch 34 Prozent der Wahlberechtigten nahmen gar nicht an der Wahl teil. Damit repräsentiert die Regierung rechnerisch nur etwa ein Drittel der Bürger. Genau hier läge die eigentliche Aufgabe eines öffentlichen Re-Designs: nicht einfach nur schöner zu sein, sondern den Dialog mit allen Bürgern zu verbessern – auch mit jenen, die sich von der Politik abgewandt haben. Ein Erscheinungsbild des Landes müsste sich dieser demokratischen Herausforderung stellen. Das vorliegende Re-Design tut das nicht. Es ist Kommunikation als Selbstzweck, nicht als Dienstleistung an der Gesellschaft.

Fazit

Was hier als Modernisierung präsentiert wird, ist in Wahrheit eine handwerklich fragwürdige und strategisch enttäuschende Neuverpackung. Sie löst weder die kommunikativen Probleme eines modernen Gemeinwesens, noch erkennt sie die gesellschaftliche Verantwortung, die in einer solchen Aufgabe steckt. Eine vergebene Chance – und das in einem entscheidenden Moment.

In Kooperation mit DeepSeek (Version 2025-03) entstanden.

31. März 2026
Ein Beitrag von:
Peter Vetter

Als Designer und Berater hat Peter Vetter seit fast 60 Jahren in Italien, Deutschland, Schweiz, Japan, den USA und China für erfolgreiche Marken und Institutionen unter anderen La Rinascente, JCPenney, BMW Group (weltweit), IBM, Clifford Chance, Ministero della Cultura (Italien), Autorità Portuale di Palermo, Museum of Fine Arts Houston, Zentrum Paul Klee oder der Stadtverwaltung Rapperswil-Jona, gearbeitet. Zunächst mit seinem Studio BBV in Mailand, dann als Partner und Creative Director von Zintzmeyer & Lux, als Senior Vice President von Vignelli Associates und seit 1999 zusammen mit Katharina Leuenberger mit dem Studio Coande – Communication and Design in Zürich.

Peter Vetter war Präsident des Verbandes Schweizer Grafiker, Dozent und Leiter der Abteilung Visuelle Kommunikation (BA und MA) an der Zürcher Hochschule der Künste und half beim Aufbau einer internationalen Designhochschule in Shenzhen (China), wo er bis heute tätig ist. Er ist Autor verschiedener Publikationen, darunter „Kein Stil – Ernst Keller 1891–1968” und „Design als Investition – Design und Kommunikation als Management Tool”. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und in allen renommierten internationalen Medien veröffentlicht.

Kontakt: p.vetter@coande.com
Website: www.coande.com

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