Das erwartete Scheitern. Deutschland als Fußballnation.

Rereading. Rethinking (3)

Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer scheidet aus. Wieder einmal. Überraschend ist das längst nicht mehr. Überraschend wäre inzwischen ein Turniersieg. Aus einer Serie sportlicher Niederlagen ist eine kulturelle Erwartung geworden.

Für ältere Fußballfans wirkt diese Entwicklung beinahe surreal. Nach dem verlorenen Halbfinale der Weltmeisterschaft 1990 brachte Gary Lineker die damalige Wahrnehmung der deutschen Nationalmannschaft in einem berühmten Satz auf den Punkt: „Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win.“ Heute scheint das Gegenteil zu gelten. Deutschland gehört nicht mehr zu den Mannschaften, die andere fürchten. Es gehört zu den Gegnern, gegen die sich nahezu jede Nation Chancen ausrechnet.

Mit dem Schlusspfiff beginnt eine Debatte, die weit über den Fußball hinausreicht. Schon nach wenigen Minuten geht es nicht mehr nur um Laufwege, Taktik oder Elfmeterschützen. Diskutiert werden Führungsstärke, Leistungsbereitschaft, gesellschaftlicher Zusammenhalt oder der Zustand Deutschlands. Eine sportliche Niederlage wird zum Anlass einer nationalen Selbstbefragung. Dass Nationalmannschaften für Nationen stehen, gehört zur Logik des internationalen Fußballs. Erklärungsbedürftig ist etwas anderes: Weshalb werden sportliche Niederlagen so selbstverständlich als Diagnosen über den Zustand eines Landes gelesen? Zwischen Spielabpfiff und nationaler Selbstdiagnose liegen oft nur wenige Minuten.

Hier kann die Perspektive der Nationenmarke weiterhelfen. Nationenmarken entscheiden nicht darüber, was geschieht. Sie entscheiden darüber, welche Ereignisse welche Bedeutung erhalten. Sie verdichten Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu einer öffentlichen Erzählung. Sie wählen aus, was erinnert, wiederholt, weitererzählt und erwartet wird. Dadurch prägen sie nicht nur, wie ein Land von anderen wahrgenommen wird, sondern auch, wie es sich selbst versteht. Dass das Ausscheiden einer Nationalmannschaft innerhalb weniger Minuten zu einer Debatte über Deutschland wird, ist deshalb keine sportliche Tatsache. Es ist Ausdruck einer öffentlichen Erzählung über Deutschland.

Diese Perspektive ist in der Literatur eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten Bücher über Fußball beschäftigen sich mit dem Spiel selbst – mit Taktik, Spielern, Vereinen, Wettbewerben oder der Geschichte des Sports. Weitaus seltener wird Fußball zum Ausgangspunkt einer Analyse von Politik, Kultur oder Gesellschaft.

Zu den Klassikern dieser Literatur gehört Simon Kuper, Football Against the Enemy (1994). Kuper bereist die Fußballwelt unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges und zeigt, wie eng nationale Konflikte, politische Umbrüche und sportliche Rivalitäten miteinander verbunden sind. Klaus Theweleit, Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell (2004), versteht Fußball als kulturelles und psychologisches Modell moderner Gesellschaften und fragt danach, was das Spiel über die Organisation des sozialen Lebens verrät. Horst Bredekamp, Florentiner Fußball. Die Renaissance der Spiele. Calcio als Fest der Medici (1993) weist nach, dass der calcio im Florenz der Renaissance weit mehr war als ein Spiel: Er diente der politischen Repräsentation, der Selbstdarstellung der Eliten und der Einübung republikanischer Tugenden.

In diesem Beitrag geht es um Franklin Foers How Soccer Explains the World. An Unlikely Theory of Globalization (2004). Schon der Titel formuliert den weitestgehenden Anspruch. Fußball erscheint nicht nur als Spiegel einzelner gesellschaftlicher Entwicklungen. Er wird zum Schlüssel für das Verständnis der Welt. Als Foer sein Buch veröffentlichte, war Globalisierung das große Deutungsmuster der Gegenwart. Sein Buch erzählt Geschichten der Globalisierung: über serbische Nationalisten, die religiösen Gegensätze im schottischen Fußball, jüdische Identitäten bei Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur, den FC Barcelona und den katalanischen Nationalismus, den globalen Transfermarkt brasilianischer Talente, ukrainische Oligarchen, die Korruption im italienischen Fußball, die Hoffnungen des iranischen Fußballs und schließlich den schwierigen Platz des Fußballs in den USA. Immer wieder zeigt Foer, wie sich politische, wirtschaftliche und kulturelle Konflikte im Fußball bündeln. Fußball ist für ihn kein Nebenschauplatz der Geschichte. Er ist ihr Brennglas. Beim Wiederlesen fällt jedoch auf, dass der Titel mehr verspricht, als das Buch tatsächlich einlöst. Foer entwickelt keine Theorie, mit der Fußball die Welt erklärt. Er zeigt, wie sich die Welt im Fußball beobachten lässt.

Foers Buch stellt eine andere Frage als die, die uns hier beschäftigt. Ihn interessiert, was Fußball über die Welt erzählt. Uns interessiert, was Nationen mit Hilfe des Fußballs über sich selbst erzählen. Nicht das Spiel erklärt die Nation. Die öffentliche Erzählung der Nation erklärt die Bedeutung des Spiels. Der Fußball erklärt die Welt nicht. Er erzählt Nationen. Im Fußball verdichten sich Vorstellungen darüber, wer „wir“ sind, wie wir gesehen werden möchten und wie andere uns sehen. Aus diesen Erzählungen entsteht die Nationenmarke. Sie ist die verdichtete öffentliche Erzählung eines Landes. Nationen erscheinen nicht mehr allein als politische oder kulturelle Gemeinschaften. Sie sind zugleich öffentliche Erzählungen. Staaten konkurrieren um Aufmerksamkeit, Vertrauen, Investitionen, Talente und Sympathien. Sie entwickeln Bilder von sich selbst und werden durch Bilder anderer beschrieben. Zwischen Selbstbild und Fremdbild verdichtet sich die Nationenmarke.

Nationalmannschaften gehören zu den sichtbarsten Ausdrucksformen dieser Erzählungen. Sie repräsentieren nicht nur eine Nation. Sie verkörpern die Nationenmarke des Landes. Jedes große Turnier bestätigt, verändert oder irritiert die öffentliche Erzählung eines Landes. Siege und Niederlagen erhalten dadurch eine Bedeutung, die weit über den Sport hinausreicht.

Die Nationalmannschaft besitzt dabei selbst eine eigene Geschichte, eine eigene Identität und eine eigene Marke. Diese Mannschaftsmarke ist nicht identisch mit der Marke einer Nation. Über lange Zeit können beide jedoch eng miteinander verschmelzen. Eigenschaften, die einer Mannschaft zugeschrieben werden, gehen allmählich in die öffentliche Erzählung über ein Land ein. Genau das geschah über Jahrzehnte mit der deutschen Nationalmannschaft.

Eine Niederlage ist zunächst ein sportliches Ereignis. Erst die Nationenmarke macht daraus eine Aussage über ein Land. Dieselbe Niederlage kann deshalb völlig unterschiedliche Bedeutungen annehmen – als unglücklicher Einzelfall, als Beginn einer Krise oder als Bestätigung dessen, was man über ein Land ohnehin zu wissen glaubt.

Über Jahrzehnte verfügte die deutsche Nationalmannschaft über eine außerordentlich stabile Erzählung. Sie stand für Turnierstärke, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, gerade in schwierigen Situationen über sich hinauszuwachsen. Niederlagen gehörten dazu. Sie änderten nichts an der Erwartung, dass Deutschland am Ende doch wieder erfolgreich sein würde. Ihre jahrzehntelange Stabilität machte sie zu einem Bestandteil der öffentlichen Erzählung über Deutschland. Die Nationalmannschaft repräsentierte nicht nur die Bundesrepublik. Sie verkörperte Eigenschaften, die viele mit Deutschland verbanden: Disziplin, Beharrlichkeit, Nervenstärke und den Glauben daran, dass Schwierigkeiten überwunden werden können. Die Marke der Mannschaft und die Marke Deutschlands verstärkten sich wechselseitig.

Seit dem Weltmeistertitel von 2014 hat sich diese Erzählung schrittweise aufgelöst. Trainer wechseln, Konzepte werden verworfen, Generationen ersetzt. Vor allem aber verschwindet die Selbstverständlichkeit, mit der diese Mannschaft für eine bestimmte Vorstellung von Deutschland stand. Die Niederlage gegen Paraguay markiert deshalb keinen Wendepunkt. Sie bestätigt einen längerfristigen Wandel. Das Elfmeterschießen erzählt keine neue Geschichte. Es fügt sich in eine Geschichte ein, die längst erzählt wird.

Damit verbindet sich eine zweite Beobachtung, die über den Fußball hinausweist. Deutschland nimmt unter den europäischen Nationalstaaten eine besondere Stellung ein. Die Erfahrung der Beschädigung gehört zum historischen Kern seiner öffentlichen Selbstbeschreibung. Anders als viele andere Nationen erzählt Deutschland seine Geschichte nicht trotz ihrer Brüche, sondern durch sie. Die Auseinandersetzung mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist kein Randthema deutscher Identität. Sie gehört zu ihrem Zentrum.

Aus demokratischer Perspektive liegt darin eine Errungenschaft. Eine Gesellschaft, die sich ihrer historischen Brüche bewusst bleibt, schützt sich vor den Versuchungen einfacher nationaler Selbstgewissheiten. Was aus der Perspektive klassischer Markenführung wie ein Defizit erscheint, ist aus historischer und demokratischer Perspektive eine Stärke.

Vor diesem Hintergrund fallen die Erzählung der Nationalmannschaft und die Erzählung Deutschlands heute so leicht zusammen. Die Niederlage gegen Paraguay bestätigt nicht den Zustand Deutschlands. Sie aktiviert eine Erzählung, die bereits vorhanden ist. Weil Deutschland seine eigene Geschichte als eine Geschichte der Beschädigung und der Selbstbefragung erzählt, erscheinen auch sportliche Rückschläge leicht als Symptome eines umfassenderen Problems. Das Spiel wird zum Anlass, eine Geschichte weiterzuerzählen, die älter ist als diese Mannschaft und älter als dieses Turnier.

Normalisiert wird nicht das Scheitern. Normalisiert wird die Erwartung des Scheiterns. Erst sie verwandelt einzelne Niederlagen in Bestätigungen einer bereits vorhandenen Erzählung. So verändert sich die öffentliche Erzählung über Deutschland. Aus dem Ausnahmefall wird ein Muster, aus dem Muster eine Erzählung und aus der Erzählung eine Erwartung.

Zahlreiche Akteur*innen konkurrieren darum, einem Spiel Bedeutung zu geben: Politik, Medien, Verband sowie wirkliche und vermeintliche Expert*innen. Sie deuten, kommentieren und bewerten das Spiel. Zugleich verstärken oder verändern sie öffentliche Stimmungen. Welche Deutung sich durchsetzt, entscheidet sich jedoch weder in Pressekonferenzen noch in Schlagzeilen. Sie entsteht im öffentlichen Streit darüber, welche Geschichte eine Nation über sich selbst erzählen will. Der Versuch des Bundeskanzlers, die Niederlage als Geschichte des Zusammenhalts und des Stolzes zu erzählen, stieß auf heftigen Widerspruch. Das zeigt, dass nicht nur um Spiele gerungen wird, sondern auch um ihre Bedeutung. Die öffentliche Erzählung einer Nation lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht im Streit um ihre Deutung.

Mit Jürgen Klopp übernimmt nun ein Nationaltrainer, dessen Anspruch weit über Taktik, Training oder Personalentscheidungen hinausreicht. Internationale Medien greifen bei seiner Vorstellung vor allem eine Aussage auf, wonach Fußball nicht nur eine Stadt, sondern im Idealfall sogar ein Land verändern könne. Der Guardian beschreibt Klopps Ziel als den Versuch, „to transform a deeply fractured relationship between the national team and Germany’s public“, und zitierte ihn mit den Worten: „I’ve lived and experienced how football can change a city. … Ideally, football can change a country.“ Er knüpft damit ausdrücklich an Erfahrungen an, die er zuvor in Mainz, Dortmund und Liverpool gesammelt hat. Doch lässt sich die Beziehung zwischen einem Verein und seiner Stadt mit der Beziehung zwischen einer Nationalmannschaft und einer Nation vergleichen?

Diese Frage verweist auf grundsätzliche Überlegungen über das Verhältnis von Fußball und Nation. Die erneute Lektüre von Foer zeigt, wie sich gesellschaftliche Konflikte im Fußball verdichten. Weitergedacht macht Fußball sichtbar, welche Geschichten Nationen über sich selbst erzählen – und wie diese Geschichten bestimmen, welche Bedeutung Siege und Niederlagen annehmen. Ein Spiel erzählt nie nur das, was auf dem Platz geschieht. Es erzählt immer auch die Geschichte, die eine Nation bereits über sich selbst erzählt. Die deutsche Fußballnationalmannschaft erklärt den Zustand Deutschlands nicht. Sie macht sichtbar, welche Geschichte Deutschland über sich selbst erzählt. Die Erzählung verändert nicht das Ergebnis des Spiels. Sie verändert seine Bedeutung.

28. Juli 2026
Ein Beitrag von:
Dr. Eric Häusler

Dr. Eric Häusler ist Historiker und Urbanist. Sein aktuelles Forschungsprojekt am Insitut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich ist einem Vergleich vergangener urbaner Zukunftsvorstellungen in Tokyo und New York in den 1960er-Jahren gewidmet. Als Gastwissenschaftler war er unter anderem an der Sophia University in Tokyo, an der New School for Social Research und der New York University. Zu seinen weiteren Forschungsschwerpunkten gehören die kritische Auseinandersetzung mit Fragen des Stadtmarketings und das wachsende Feld der Global Urban History.

 

Prof. Dr. Jürgen Häusler

Prof. Dr. Jürgen Häusler ist Honorarprofessor für strategische Unternehmenskommunikation an der Universität Leipzig. Bis zum Eintritt in den Ruhestand 2015 war er Chairman bei Interbrand Central and Eastern Europe, und hat Unternehmen und Organisationen weltweit bei der Entwicklung von Marken beraten. Als Sozialwissenschaftler hat er u.a. am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln gearbeitet.

Kontakt: juergenghaeusler@gmail.com

 

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