Ankommen in einer fremden Stadt.

REREADING. RETHINKING. (4)

Menschen verbinden mit dem Städtischen besondere Möglichkeiten: Arbeit, Freiheit, Unterhaltung, Begegnungen. Sie fürchten Überforderung, Einsamkeit und Ausschluss. Tokio weckt andere Hoffnungen und Befürchtungen als Berlin oder Zürich. Wer in einer fremden Stadt ankommt, bringt Vorstellungen mit – vom städtischen Leben und von der Stadt, in der es sich entfalten soll. Dort trifft er auf Menschen mit eigenen Erfahrungen, Gewohnheiten und Vorstellungen vom Zusammenleben. Was geschieht bei dieser Begegnung? Wie verändert die Stadt die Ankommenden? Und wie verändern die Ankommenden die Stadt?

Die Prosa von Peter Weiss (1916–1982) führt mitten in diese Begegnung. Im 1953 begonnenen und erst 1968 in der Sammlung Aus aufgegebenen Werken veröffentlichten Bericht über Einrichtungen und Gebräuche in den Siedlungen der Grauhäute, im Roman Fluchtpunkt (1962) und in der unter dem Pseudonym Sinclair veröffentlichten Erzählung Der Fremde (1980) erzählt Weiss auf unterschiedliche Weise vom Ankommen. Ein Reisender versucht, das unbekannte Treiben einer Stadt zu verstehen. Ein Emigrant sucht in Stockholm einen Platz zum Leben. Ein Erzähler betritt eine Stadt, begleitet von seiner Vergangenheit.

Entdecken und erleben

Im Bericht begegnet der Reisende einer Stadt, deren Einrichtungen und Gebräuche er nicht kennt. Zunächst sieht er ein „ineinander verschlungenes Gewühl von Lebewesen“. Von einem erhöhten Standort aus beobachtet er Bewegungen, Wege und Fahrzeuge. Dann steigt er ins Gedränge hinab, betritt ein Geschäft und gerät, von anderen mitgezogen, in ein Verkehrsmittel. Er beobachtet, ahmt nach, missversteht und korrigiert seine Vermutungen. Was den Bewohner*innen selbstverständlich erscheint, muss er sich erschliessen.

Auch die Lesenden erkennen das Geschehen zunächst nicht. Das Kassieren und Ausgeben von Fahrscheinen erscheint als ein „Spiel des Tauschens“. Der Fahrschein verbürgt seinem Besitzer das „Recht zur Teilnahme an diesem Zusammensein“. Erst allmählich wird die alltägliche Handlung als solche erkennbar. Weiss verzichtet auf vertraute Bezeichnungen und macht so sichtbar, was sie gewöhnlich verdecken: Menschen müssen bestimmte Bedingungen erfüllen, um an einem gemeinsamen Vorgang teilnehmen zu können.

Wie sehr das Verstehen einer Stadt von erlernten Kenntnissen abhängt, lässt sich vielerorts erfahren. Wer zum ersten Mal an einem Flughafen in Tokio ankommt, begegnet Zeichen und Bezeichnungen, deren Zusammenhang sich nicht unmittelbar erschliesst. Suica, PASMO, JR, IC Card, Green Car – man kann die Wörter lesen und weiss dennoch nicht, wie das System funktioniert. Man beobachtet andere, vergleicht, fragt bei künstlicher Intelligenz nach und versucht, aus einzelnen Erfahrungen eine Vorstellung des Ganzen zu gewinnen.

Der Reisende im Bericht bringt bereits Vorstellungen mit. In seiner Verunsicherung erinnert er sich an die Geschichten, die in seiner Heimat über die Bewohner*innen der fremden Stadt erzählt werden. Ihnen werden Blutdurst und Rachsucht nachgesagt. Als Menschen in einem Geschäft über eine seiner unbeholfenen Bewegungen lachen, befürchtet er einen Angriff. Doch niemand greift ihn an. Die Anwesenden wenden sich wieder ihren Beschäftigungen zu. Dem Reisenden fehlen Kenntnisse, um sich zurechtzufinden. Zugleich verfügt er über vermeintliches Wissen, das seine Wahrnehmung verstellt. Unkenntnis und Vorurteile erschweren gleichermassen die Begegnung mit dem Fremden.

Der Bericht lässt sich als literarische Übung im Verlernen lesen. Weiss entzieht den Dingen ihre vertrauten Namen und zwingt uns, genauer hinzusehen. Die Ordnung der Stadt erschliesst sich aus einzelnen Beobachtungen, die vorläufig bleiben. Der fremde Blick macht sichtbar, wie viel von dem, was selbstverständlich erscheint, auf erlernten Regeln und gesellschaftlichen Vereinbarungen beruht.

In Der Fremde verbindet Weiss das Eintreten in die Stadt mit der Vergangenheit des Ankommenden: „So dringe ich ein in die Stadt, bedeckt vom Staub der Vergangenheit.“ Die Stadt mag neu sein, der Mensch, der sie betritt, ist es nicht. Er bringt Erinnerungen, Erwartungen und Verletzungen mit. Sein bisheriges Leben bestimmt mit, was er wahrnimmt und von seiner Zukunft erwartet.

In Fluchtpunkt wird diese Erfahrung an einer genau datierten Ankunft konkret. Am 8. November 1940 erreicht der Erzähler Stockholm. Vom Bahnhof fährt er zu einer Pension, in der ein Bekannter ein Zimmer für ihn bestellt hat. Schon dieser erste Weg zeigt, wie sehr das Ankommen von Beziehungen abhängt, die andere vermitteln. Im Zimmer findet der Erzähler Spuren früherer Bewohner*innen. „Dieser Raum sollte jetzt meine Schritte enthalten“, heisst es. Ein fremder Raum soll zum Ort des eigenen Lebens werden.

Die Stadt ist bereits bewohnt. Ihre Räume werden genutzt, ihre Möglichkeiten sind verteilt, ihre Beziehungen bestehen. Der Ankommende muss seinen Platz in einer Lebenswelt finden, die ohne ihn entstanden ist. Zugleich bringt er seine Geschichte, seine Fähigkeiten und seine Vorstellungen von einem möglichen Leben mit. Wo kann er wohnen? Wovon kann er leben? Welche Beziehungen kann er aufbauen? Die Antworten hängen ab von seinen eigenen Möglichkeiten, von den Menschen, denen er begegnet, und von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er leben muss. Eine Stadt zu verstehen und in ihr leben zu können, sind unterschiedliche Erfahrungen.

Dazugehören und verändern

Der Reisende im Bericht erlebt einen Augenblick, in dem sein Fremdsein zurücktritt. Er hat sein Verhalten an die Umgebung angepasst und wird von den Anwesenden nicht länger besonders beachtet. Niemand prüft seine Kleidung oder betrachtet ihn lange genug, um Abweichungen festzustellen. Dass niemand ihn beachtet, macht ihn „zu einem Bestandteil des kreiselnden Ganzen“. Er empfindet Erleichterung darüber, „daß alle ihn gelten lassen“. Seine Anwesenheit ist für einen Augenblick selbstverständlich geworden.

Im städtischen Alltag mitgehen zu können, bedeutet noch nicht, dazuzugehören. Ein Mensch kann die Wege kennen, die Sprache sprechen, arbeiten und Beziehungen unterhalten – und weiterhin als fremd behandelt werden. Zugehörigkeit hängt davon ab, ob andere bereit sind, jemanden als gleichberechtigten Teil ihrer Gemeinschaft anzuerkennen.

In seiner Lessingpreis-Rede Laokoon oder Über die Grenzen der Sprache (1965) beschreibt Weiss, wie einem Menschen sogar die Zugehörigkeit zur eigenen Sprachgemeinschaft verweigert werden kann: „Wenn er sich auf sich selbst berufen will, werden seine Worte für ungültig erklärt.“ Fremdheit entsteht hier nicht durch mangelnde Kenntnisse oder unzureichende Anpassung. Sie wird gesellschaftlich und politisch hergestellt. Wer einem Menschen die Gültigkeit seiner Stimme abspricht, verweigert ihm die gleichberechtigte Teilnahme am gemeinsamen Leben.

Die bereits Anwesenden bilden keine einheitliche Gemeinschaft. Viele sind selbst irgendwann angekommen, andere leben seit Generationen am selben Ort. Was die einen als vertraute Ordnung erleben, erscheint den anderen als Zumutung. Auch unter den vermeintlich Einheimischen unterscheiden sich die Erfahrungen von Zugehörigkeit und Fremdsein. Ankommende treffen nicht auf eine geschlossene Welt. Sie treten in bestehende Beziehungen ein, schaffen neue Verbindungen, verändern Gewohnheiten und stellen Erwartungen infrage. Sie verändern ihr eigenes Leben – und die Stadt, in der sie ankommen.

Fremdheit gehört zum Städtischen: es ermöglicht das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Erfahrungen und Vorstellungen. Ihre Begegnungen schaffen neue Beziehungen, lösen Konflikte aus und verändern Gewohnheiten. Die Stadt ist kein abgeschlossenes Ganzes. Ihre Eigenart entsteht aus dem, was Bestand hat, und dem, was durch neue Menschen und Erfahrungen hinzukommt.

Verdichten und offenbleiben

Stadtmarken stellen eine „fiktive Vollständigkeit“ (Christoph Peters, Tage in Tokio, 2021) her: Aus unterschiedlichen Erfahrungen, Erzählungen und Erwartungen entsteht ein Bild, in dem die Stadt als Ganzes vorstellbar wird. Niemand kann ihre Vielfalt vollständig erfassen. Solche Bilder geben Orientierung und wecken Erwartungen. Sie entstehen durch die organisierte Selbstdarstellung einer Stadt ebenso wie durch die Erfahrungen und Erzählungen der Menschen, die mit ihr in Berührung kommen. Jede Verdichtung hebt bestimmte Eigenschaften hervor und lässt andere zurücktreten. Was dem vertrauten Bild entspricht, erscheint typisch. Was davon abweicht, wird zur Ausnahme erklärt oder übersehen. Gerade weil das Bild Orientierung gibt, kann es gegenüber widersprechenden Erfahrungen unempfindlich werden.

Weiss’ fremder Blick fordert dazu auf, auch die vertrauten Begriffe der Stadtmarken zu überprüfen. Was bedeutet es im städtischen Alltag, wenn eine Stadt sich als offen, international oder lebenswert bezeichnet? Man könnte das Wort „offen“ ebenso behandeln wie den Fahrschein im Bericht: die vertraute Bezeichnung beiseitelassen und genau beschreiben, was geschieht. Wer erhält Zugang zu einer Stadt und ihren Möglichkeiten? Wer gehört selbstverständlich dazu, und wer muss seine Anwesenheit immer wieder begründen? Wessen Erfahrungen prägen das Bild der Stadt, und welche bleiben ausserhalb? Wenn eine Stadtmarke von einem gemeinsamen „Wir“ spricht, stellt sich die Frage, wer für die Stadt sprechen und ihr Selbstverständnis verändern kann.

Eine Stadtmarke kann Orientierung geben, gemeinsame Ansprüche formulieren und die Eigenart einer Stadt erkennbar machen. Ihre Vorstellungen müssen überprüfbar und veränderbar bleiben. Die Erfahrungen der Ankommenden zeigen, welche Möglichkeiten eine Stadt eröffnet, welche Grenzen sie zieht und wie ihre Bewohner*innen mit Unterschieden umgehen.

Wenn Städte durch das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen fortwährend verändert werden, kann ihre Marke nicht ausschliesslich auf die Bewahrung einer bestehenden Identität ausgerichtet sein. Die Ankommenden sind keine blossen Adressaten eines städtischen Versprechens. Sie tragen selbst dazu bei, was die Stadt künftig auszeichnet. Für einzelne Städte ergibt sich eine strategische Option: Offenheit für Fremde und Fremdes zum Kern ihrer Marke zu machen. Eine solche Positionierung würde die Bereitschaft ausdrücken, Menschen unterschiedlicher Herkunft Zugehörigkeit und Mitgestaltung zu ermöglichen und sich durch neue Erfahrungen, Vorstellungen und Lebensweisen verändern zu lassen. Offenheit wäre kein blosses Merkmal, das eine Stadt für sich beansprucht, sondern ein Anspruch an ihre weitere Entwicklung.

Dieser Anspruch müsste in den tatsächlichen Lebensverhältnissen der Stadt begründet sein. Er würde ihre Institutionen ebenso herausfordern wie die Menschen, die bereits dort leben. Gegenüber nationalstaatlicher Abschottung und dem Fremdenhass des rechten Populismus gewänne er politische Bedeutung. Glaubwürdig wäre er nur, wenn die Stadtgesellschaft bereit ist, Offenheit im Alltag zu leben – auch dort, wo Fremde vertraute Vorstellungen und Gewohnheiten infrage stellen. Eine Stadt, die Offenheit zum Kern ihrer Marke macht, verspricht nicht nur, Fremde willkommen zu heissen. Sie erklärt ihre Bereitschaft, durch sie eine andere zu werden.

27. Oktober 2026
Ein Beitrag von:
Dr. Eric Häusler

Dr. Eric Häusler ist Historiker und Urbanist. Sein aktuelles Forschungsprojekt am Insitut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich ist einem Vergleich vergangener urbaner Zukunftsvorstellungen in Tokyo und New York in den 1960er-Jahren gewidmet. Als Gastwissenschaftler war er unter anderem an der Sophia University in Tokyo, an der New School for Social Research und der New York University. Zu seinen weiteren Forschungsschwerpunkten gehören die kritische Auseinandersetzung mit Fragen des Stadtmarketings und das wachsende Feld der Global Urban History.

 

Prof. Dr. Jürgen Häusler

Prof. Dr. Jürgen Häusler ist Honorarprofessor für strategische Unternehmenskommunikation an der Universität Leipzig. Bis zum Eintritt in den Ruhestand 2015 war er Chairman bei Interbrand Central and Eastern Europe, und hat Unternehmen und Organisationen weltweit bei der Entwicklung von Marken beraten. Als Sozialwissenschaftler hat er u.a. am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln gearbeitet.

Kontakt: juergenghaeusler@gmail.com

 

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