Lost im Labyrinth – und Depot sucht den Weg zurück.
Ein Streifzug durch die Innenstadt macht betroffen: „Wir schließen!“ und „Alles muss raus!“, so tönt es allerorten. Dann bleibt der Laden erst einmal leer, die Fassade wird mit äußerst zweifelhaften Demo-Aufrufen zugemüllt, und dann kommt der Dönerladen. Oder das Nagelstudio. Oder der Handy-Retter. Und das war’s dann … Prompt müssen wir heute lesen, dass für die Deko-Kette Depot endgültig die Lichter ausgehen. Zu wenig Kunden, zu wenig Kaufkraft, zu viel Temu und zu hohe Energiekosten lautet die Begründung. Und es stimmt schon: Wie soll sich eine Marke wie Depot diesem Giftcocktail entziehen?
Immerhin gibt es auch eine Erfolgsstory im Deko-Markt: Søstrene Grene, ein dänisches Familienunternehmen mit den fiktiven Schwestern Anna und Clara als Markenbotschafterinnen. Zugegeben: Wer an diese Story glaubt, muss schon echter Fan sein. Aber Søstrene Grene hat eben vieles anders gemacht als Depot und Butlers: das Store-Design nach dem Labyrinth-Prinzip mit diesen irren, schlangenförmigen Einbahnstraßen-Gängen, die (männliche) Begleiter der Stammkundin zum Wahnsinn treiben. Die Hygge-Atmosphäre mit dunklem Holz und klassischer Musik. Die künstliche Verknappung mit wöchentlich wechselnden Kollektionen in kleinen Stückzahlen, die den Jagdtrieb wecken. Und vor allem der Fokus auf DIY und Kreativität, der wunderbar zu all den Social-Media-Trends rund um Basteln, Zeichnen und Interior-Design passt.
Ist das ein Ticket für ewigen Erfolg im stationären Handel? Sicher nicht. Aber es zeigt: Nur besondere Erlebnisse bringen die Kunden heute noch dazu, den Fuß vor die Tür zu setzen. Und das Portemonnaie zu öffnen.
Genau hier liegt die spannende Frage für Depot. Denn auch wenn die insolvente Betreiberin GDC Deutschland ihren Geschäftsbetrieb einstellt und sämtliche Arbeitsverhältnisse sowie Mietverträge gekündigt werden, soll die Marke weiterbestehen. Eigentümer Christian Gries will Depot in eine andere Gesellschaft überführen, mit einem kleineren Team weitermachen und möglicherweise einige der noch verbliebenen Filialen erhalten.
Für uns als Markenberater ist das eine wichtige Unterscheidung: Eine Insolvenz muss nicht automatisch das Ende einer Marke bedeuten. Bekanntheit, Vertrautheit und positive Erinnerungen können erhalten bleiben und einen Neustart ermöglichen – sie ersetzen aber noch keine überzeugende Idee. Depot war nicht nur ein Name, sondern auch ein Einkaufserlebnis – mit saisonalen Schaufenstern, Kerzen, Kissen und der Inspiration, das eigene Zuhause schöner zu machen. Wenn Filialen und Strukturen wegfallen, muss dieses Erlebnis neu gedacht werden. Der Neustart muss deshalb den Markenkern schärfen und in ein Versprechen übersetzen, das Menschen heute wieder bewusst wählen.
Ein glaubwürdiger Neuanfang braucht den Mut, Ballast abzuwerfen und den unverwechselbaren Kern der Marke in neue Relevanz zu übersetzen. Denn eine Marke bleibt nicht durch ihren geschützten Namen bestehen, sondern durch das, was Menschen mit ihr verbinden.
Oder was meinen Sie?

Schreibe einen Kommentar