DIE KUNST UND FUNKTION DER FUGE IM CORPORATE DESIGN.
EINE STUDIE
Dieser Frühling 2026 wird den Frankfurter Bürgern noch lange im Gedächtnis bleiben. Gleich zwei Großereignisse, das Design betreffend, sorgten zunehmend für Wind und Wetterkapriolen. Erst säuselte der Wind als Frankfurt den Titel einer „Welthauptstadt des Design“- kurz WDC genannt - für eine Million Dollar oder Euro? - von den Lizenzgebern aus dem fernen Canada, großherzig oder großzügig, zuerkannt wurde. Frankfurt fühlte sich darob geehrt und versorgte damit auch großzügig seine Vettern von Rüdesheim, Bad Homburg, Rüsselsheim bis Darmstadt. Allen Beteiligten ist das jetzt einsetzende Engagement nicht abzusprechen, denn es galt „The Big Idea“ der Welthauptstadt nachhaltig umzusetzen. Damit galt es ein gutes Teamwork aufzustellen
Nun funktioniert Teamwork vielleicht beim Bau einer Scheune, schafft aber keine „Big Idea“ (George Lois, PAPERT/KOENIG/LOIS, NY).
Dann verstärkte sich der Frühlingswind: das neue Corporate Design für das Bundesland Hessen löste einen Hagelsturm über das grüne Bundesland Hessen aus. Desgleichen haben im Allgemeinen und Besonderen Wetterkapriolen so an sich. Es trifft Glasdächer, die beginnende Obstbaumblüte und eben auch die Staatskanzlei. Auch hier gilt die Erkenntnis, Teamwork allein reicht nicht, der neue Löwe, eine Löwin, fand keine begeisterte Zustimmung in der Öffentlichkeit. Die Staatskanzlei spannte sturmerprobt ob der Hagelattacke große Schirme auf - gemäß der Einsicht, Hagel nimmt naturgemäß auch ein Ende. Doch die durch die Veröffentlichungen in der Presse „aufgeschreckten“ Leser, Bürger dieses Landes, ließen nicht locker, so seien hier zwei Pressestimmen ausgewählt: … jetzt haben die Hessen ein Wappen, dessen Löwe doch eher an einen verstrubbelten Flokati-Teppich erinnert ... und die F.A.Z. bringt unter der Überschrift „Unterirdisch schlechter Entwurf“ dieses Zitat einer Leserstimme ... und endet mit dem Eingeständnis der Redakteurin ... viele positive Stimmen habe ich auch noch nicht gehört, ehrlich gesagt ...
So enden die Frühlingstage 2026 mit dem Zitat von William Shakespeare:
„Ist dies auch Wahnsinn, so ist doch Methode drin“
Wie ist die Aktion Hessen Design designhistorisch einzuordnen?
Das „Bildsymbol“ Löwe wurde dem einstigen Volksstaat gegeben, der 1919 dem Großherzogtum nachfolgte. Übrigens ist der Löwe eine Löwin, denn ein männlicher Löwe müsste die sprichwörtliche „Löwenmähne“ besitzen. Eine Löwin dagegen hat ein glattes Fell und keine „Flokati-Locken“. Die illustrative Manier der Flokati-Löwin ist der Formensprache der pompösen Zeitspanne zuzuordnen, die von 1875 bis 1914 bestand. Auch unter dem Begriff Belle Époque zu finden. Es war die Zeit, in der „kaiserlich angehauchte“ Dekoration und stolze Selbstdarstellung in wahrer Blüte stand. Die Briefschaften zierten xylografische, detailreiche Gebäudeabbildungen mit rauchenden Schornsteinen und Goldmedaillen aus aller Herren Länder. Es rankte und wand sich blumig in Formengirlanden um Urkunden und Kataloge, Buchumschläge, Magazine, die sprichwörtliche „Gartenlaube“ als Medium war Familienlektüre.
Schon 1909 bahnte sich das Ende dieser pompösen Zeit an. Ein Mann aus Alexandria, Filippo Tommaso Marinetti, brachte mit seinem Manifest des Futurismus die bisherige Formenwelt zum Einsturz. Jetzt spielten ganz andere Kriterien mit. Suprematismus: Kasimir Malewitsch mit seinem Schwarzen Quadrat setzte die Benchmark. Konstruktivismus: Die reale Gestaltung von Gegenständen. So entstand nach 1916/18die Avantgarde in Italien, Russland, gefolgt von Holland (eigenständig unter dem Begriff Neoplastizismus) und das Bauhaus in Weimar, später Dessau.
Hier eine Kostprobe aus dem umfangreichen Manifest des Signore Marinetti:
„Wir erklären, dass die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert wurde: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre zieren, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen .... ein aufheulendes Automobil, das auf Feuersalven dahinzugleiten scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake ...“
Fazit: die Flokati-Löwin ist das falsche Objekt gewesen. Eine Wiederaufnahme hätte sich schon allein von der Designgeschichte her gesehen als ungeeignet herausstellen müssen!
Das sollte sich hier als entscheidender Kardinalfehler bewahrheiten.
Die Kunst der Fuge. So wie sie in der wichtigen Funktion als verbindendes und ausgleichendes Element in Musik und Architektur beschrieben wird. Die Kunst der Fuge spielt auch im Corporate Design eine große, oft auch entscheidende Rolle: nämlich scheinbar nicht zusammengehörende Objekte so zu verbinden, dass sie am Ende eine ästhetisch wahrnehmbare und sinnvolle Einheit ergeben. So mit dem Schriftzug HESSEN. Dieser muss mit dem Wappenlöwen verbunden sein. Wie sich das jetzt darstellt, ist es ein Typografie, die mit dem fettesten Schriftduktus ausgestattet wurde, über die eine Schriftfamilie verfügt. Solche Schriftstärken zieren LIEBHERR-Krane und Bagger, BASF schmückt damit seine Chemieanlagen. Außerdem unter einem Namen, (im neuen Font „Hessen Gellix“) der auf der Geschicklichkeit und Schläue beruht, wie der eines Nachahmers der ominösen Hitler-Tagebücher - eine grassierende Unsitte, die Originale (HELVETICA, FUTURA), UNIVERS ) bewusst mit viel Chuzpe nachstellen.
Fazit: „Typografie ist die Kunst des feinen Maßes. Ein Zuwenig und Zuschwach entfernt sie ebenso von der Meisterschaft wie ein Zuviel und Zustark“ (Kurt Weidemann).
Die Studie.
Es ist eine Teamarbeit. Eine kleine „Scheune“. Beteiligt an allen Entwicklungsphasen drei einstige „EINSER-DIPOLMANDEN“ aus dem Lehrangebot der FH Mainz von Prof. Olaf Leu, Corporate Identity/Corporate Design, von 1986 bis 2003. Alle Beteiligten wussten um die Empfindlichkeit, aber auch die Beibehaltung historischer Inhalte, wie sie das 1949 eingeführte Wappen zeigt. Es gab nur vorsichtige Eingriffe, Veränderungen in die Außenform des Wappens, auch „die Löwin“ erfuhr nur geringe Korrekturen, die typischen diagonalen roten Streifen wurden neu positioniert. Dem Kopfputz des Wappens gewährten wir ein stilles Angebot „einer Formenveranda“. Wichtig war die Funktion der FUGE zwischen Wappen und Schriftzug. Dieser ist aus der Originalschrift „Melior“ von Hermann Zapf, weltbekannt als Schriftentwerfer und Typograf. Auch die Verwendung der Melior (ursprünglich von der Stempel AG in Frankfurt gegossen) in einem erweiterten Corporate Design hätte jedwede, nachgestellte Groteskschrift abgelöst. Die Lesebereitschaft sollte durch bessere Lesbarkeit gefördert werden.

- Wappen ab 1949, der Gründung des Bundesstaates Hessen, bis Mitte 2026 (von Links nach Rechts)

2. Wappen des Volksstaates ab 1919 bis 1933

3. Wappen weißer Löwe aus Studie

4. Wappen blauer Löwe aus Studie
Diese Studie hier soll lediglich, aber explizit die versäumten Chancen aufzeigen, die in diesem Projekt anfangs vorhanden waren - und wie gute Milch wurde sie „zu Käse“ verarbeitet.
Die Angehörigen des Teams: Initiator und Creative Director Prof. em. Olaf Leu, Art Director Clemens Hilger, Graphic Design Elmar Becker und Carolin Mahlerwein.
Ich widme all meinen Frankfurtern, insbesondere dem Frankfurter Bub, dem Ministerpräsidenten des Bundeslandes, Boris Rhein, Hagelstürmen trotzend, dieses Zitat des berühmten Frankfurter Bürgers Johann Wolfgang von Goethe:
„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“

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