Ein Tag ohne Agentur.

Warum die Kommunikationsbranche nicht an KI scheitert, sondern an der falschen Frage.

Am Dienstag, dem 11. März 2031, wacht Lena um 7:12 Uhr auf. Ihr persönlicher Agent hat in der Nacht den Wocheneinkauf erledigt, den Stromvertrag gewechselt und die Schuhe für ihren Sohn bestellt. Drei Marken hat er aussortiert. Lena wird nie erfahren, welche.

Sie hat keine Werbung gesehen. Nicht, weil Werbung verschwunden wäre. Sondern weil sie vorher herausgefiltert wurde. Ihr Agent entscheidet nach Preis, Verfügbarkeit, Herkunft, Rückgabebedingungen und Vertrauen. Er hat keine Lieblingsmarke. Er hat Kriterien.

Um 8:30 Uhr sitzt Anna Berger, Marketingleiterin eines mittelständischen Getränkeherstellers, vor ihrem Dashboard. 40.000 persönliche Agenten haben ihre Marke geprüft. 62 Prozent haben sie empfohlen. 38 Prozent nicht. Kein Mensch hat eine Anzeige gesehen. Die Kommunikation ist für jeden Kontakt neu entstanden.

Annas Team besteht aus fünf Menschen und einem System. Seine Aufgabe heute ist nicht, eine Kampagne zu briefen. Es muss entscheiden, welche Signale die Marke für Familien in Süddeutschland glaubwürdig machen: Herkunft, Regionalität, Verpackung, Verantwortung. Die letzte Agentur hat Anna 2028 gekündigt. Nicht aus Unzufriedenheit. Es konnte nur niemand mehr sagen, wofür sie noch gebraucht wurde.

Um 9 Uhr sitzt Markus in seinem Agenturbüro. Kein Briefing liegt auf dem Tisch. Nicht heute, nicht diese Woche. Markus hat alles richtig gemacht. 2025 hat er einen KI-Stack eingeführt. 2026 hat er die Produktionszeit auf ein Drittel reduziert. 2027 hat er die Preise gesenkt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Seine Agentur ist effizienter als je zuvor.

Nur: Der Marketingleiter, der früher briefte, ist inzwischen ein Operator. Er steuert einen Stack und kauft Fähigkeiten im Abo. Effizienz war nie der Grund, Markus anzurufen.

Markus ist nicht an KI gescheitert. Er hat die falsche Frage optimiert.

Diese Geschichte ist erfunden. Ihre Voraussetzungen sind es nicht.

Der GWA-Frühjahrsmonitor 2026 meldet für die angeschlossenen Agenturen 2025 einen Rückgang des Gross Income um durchschnittlich 2,7 Prozent. Die durchschnittliche Rendite lag bei 7,5 Prozent. Zugleich ist das Bild nicht einheitlich: 43,7 Prozent der Agenturen wuchsen, 50,7 Prozent meldeten Rückgänge. Die Branche zerfällt also nicht geschlossen. Sie polarisiert sich. GWA Frühjahrsmonitor 2026

Noch härter ist der Blick auf die Insolvenzen. Eine Auswertung der Insolvenzbekanntmachungen durch iBusiness kommt für 2025 auf 198 Agenturinsolvenzen – gegenüber 89 im Jahr 2024. Im ersten Quartal 2026 lag die Zahl demnach mehr als 60 Prozent über dem Vorjahresquartal. Das ist keine Prognose über die Zukunft der Branche. Es ist eine Beschreibung ihrer Gegenwart. iBusiness: Agenturinsolvenzen in Deutschland auch 2026 auf hohem Niveau

Und dann ist da Meta. Im Juni 2025 berichtete Reuters unter Berufung auf das Wall Street Journal, Meta arbeite an einer vollständigen Automatisierung der Anzeigenerstellung und des Targetings bis Ende 2026. Ein Produktbild oder eine URL, ein Budget – und die Plattform erzeugt die Werbemittel, bestimmt Zielgruppen und optimiert die Ausspielung. Am selben Tag fielen die Kurse mehrerer großer Agenturgruppen: Omnicom um 3,2 Prozent, Publicis um 3,8 Prozent und WPP um 2,2 Prozent. Reuters: Meta aims to fully automate advertising with AI by 2026

Man kann diese Zahlen unterschiedlich interpretieren. Man kann auf die Resilienz der Branche verweisen, auf neue Geschäftsfelder und steigende Nachfrage nach KI-Beratung. Man kann sagen, dass Technologie schon immer Arbeit verändert hat. Das stimmt alles.

Es reicht aber nicht als Antwort. Denn diesmal wird nicht nur ein Werkzeug ausgetauscht. Es verschieben sich gleichzeitig drei Beziehungen, auf denen das Agenturgeschäft beruht: die Beziehung zur Produktion, die Beziehung zum Auftraggeber und die Beziehung zum Publikum.

Erstens: Die Produktion wird zur Commodity.

Text, Bild, Video, Code und Layout lassen sich heute in Sekunden erzeugen. Das Problem ist nicht, dass KI alles perfekt kann. Das Problem ist, dass sie für viele Aufgaben schnell genug gut genug ist. Der Preis fällt damit nicht erst dann, wenn die Qualität gleich ist. Er fällt, sobald die Qualität für den konkreten Zweck ausreicht.

Die Nachfrage nach Content verschwindet nicht. Im Gegenteil: Es wird mehr Content geben. Aber der Preis verschiebt sich von der Erstellung zur Prüfung, Auswahl und Verantwortung. Eine Kampagnenadaption, die heute vier oder fünfstellige Beträge kosten kann, wird morgen Bestandteil eines laufenden Freigabe- und Governance-Prozesses sein.

Zweitens: Der Auftraggeber verändert sich.

Der klassische Marketingleiter, der ein Briefing schreibt und Leistungen einkauft, wird nicht einfach verschwinden. Aber seine Rolle wird sich verändern. Unternehmen bauen eigene Systeme aus Plattformen, generativer Software, Daten und automatisierten Workflows. Sie holen nicht mehr zwingend Menschen ins Haus. Sie holen Fähigkeiten ins Haus – als Software, als Schnittstelle, als zeitweise Expertise.

Das ist Inhousing 2.0. Nicht: Wir stellen jetzt dieselben 30 Menschen selbst an. Sondern: Fünf gute Leute steuern ein System, das einen erheblichen Teil der bisherigen Produktion übernimmt. Wer als Agentur nur Ausführung anbietet, konkurriert deshalb nicht mehr nur mit anderen Agenturen. Er konkurriert mit dem Stack des Kunden.

Drittens: Das Publikum wird maschinell gefiltert.

Die Kampagne kann hochwertig produziert und sogar bezahlt werden. Trotzdem erreicht sie niemanden. Persönliche Assistenten und Einkaufsagenten entscheiden, welche Angebote überhaupt in die Wahrnehmung eines Menschen gelangen. Sie prüfen strukturierte Informationen: Preis, Verfügbarkeit, Lieferzeit, Herkunft, Vertrauen, Rückgabe. Das ist keine vollständige Beschreibung der künftigen Kaufentscheidung. Aber es markiert eine Richtung: Die Empfänger der Kommunikation werden teilweise selbst zu Systemen.

Damit verliert die Agentur nicht nur den Zugang zum Auftraggeber. Sie verliert im Extremfall auch den Zugang zum Publikum.

Das ist der Kipppunkt. Jeder dieser Angriffe wäre für sich genommen verkraftbar. Zusammen greifen sie an drei Stellen an, die sich nicht nacheinander anpassen lassen:

AngriffspunktNeue KonkurrenzWas unter Druck gerät
ProduktionGenerative KIabrechenbare Arbeitszeit
AuftraggeberPlattformen und Inhouse-Systemedie Vermittlerrolle und das Briefing
PublikumPersönliche Agenten und Answer Enginesdas Publikum der Kampagne

Agenturen optimieren gerade das Ruder eines Schiffs, dessen Fluss austrocknet.

Besonders gefährdet sind Leistungen, die standardisierbar, datengetrieben und ohne tiefen Kundenkontext erbracht werden: Content-Produktion, Adaptionen, Lokalisierung, standardisierte Webentwicklung, Reporting und Teile des Performance-Geschäfts.

Nicht, weil diese Leistungen wertlos wären. Sondern weil ihr Wert bisher häufig über die Menge der eingesetzten Arbeit verkauft wurde. Wenn die Maschine die Menge der Arbeit drastisch reduziert, verliert dieses Preismodell seine Grundlage.

Die klassische Agentur hat darauf oft dieselbe Antwort: mehr Neugeschäft. Das ist verständlich. Der GWA-Frühjahrsmonitor nennt die Neukundengewinnung als wichtigsten Hebel für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Aber Neugeschäft mit demselben Angebot ist keine Transformation. Es verteilt den Druck nur auf mehr Pitches.

Die unangenehme Frage lautet deshalb nicht: Wie können wir mit KI schneller produzieren? Sie lautet: Was bleibt übrig, wenn Produktion nicht mehr der Grund ist, warum jemand anruft?

Die Antwort ist nicht automatisch Kreativität. Auch das wäre zu bequem. Die Branche sagt seit Jahren, Kreativität bleibe menschlich. Das mag stimmen, aber es ist kein Geschäftsmodell.

Wertvoller werden andere Dinge: Kontext, Urteil, Haltung, Verantwortung und die Fähigkeit, Entscheidungen in einem System durchzusetzen.

Die eigentliche Drehung lautet: Alles, was Agenturen heute abrechnen, wird billig. Alles, was sie heute verschenken, wird wertvoll.

Strategie wird wertvoll, wenn sie nicht mehr die Einleitung zur Produktion ist, sondern ein belastbares Entscheidungssystem. Marke wird wertvoll, wenn sie nicht nur ein Set von Assets ist, sondern eine Quelle glaubwürdiger Signale für Menschen und Maschinen. Kreativität wird wertvoll, wenn sie nicht als Variantenproduktion verstanden wird, sondern als seltene, verantwortete Setzung.

Daraus ergeben sich drei Konsequenzen.

1. Identität: Von der Selbstbeschreibung zur Aufgabe.

Die Positionierung „Wir sind kreativ, digital, strategisch und nahbar“ wird nicht deshalb schwach, weil sie langweilig klingt. Sie wird schwach, weil sie nichts über die Welt außerhalb der Agentur sagt.

Eine tragfähige Positionierung beantwortet künftig eine andere Frage: Welches Problem wird ohne uns wahrscheinlicher?

Nicht: „Wir machen Markenkommunikation.“ Sondern: „Wir machen Familienunternehmen in der Agentenökonomie vertrauenswürdig.“ Nicht: „Wir liefern Full Service.“ Sondern: „Wir bauen Marken, die sich nicht beliebig generieren lassen.“

Das ist keine sprachliche Übung. Es zwingt zur Entscheidung über Domäne, Haltung und Verantwortung. Agenturen werden nicht mehr primär nach dem bewertet, was sie können. Sie werden danach bewertet, wofür sie stehen und in welchem Problem sie unverwechselbar nützlich sind.

2. Struktur: Vom Personalbetrieb zum Systembetrieb.

Die Agentur der Zukunft ist nicht zwingend größer. Sie ist anders groß.

Ein kleiner Senior-Kern verantwortet Urteil, Kundenbeziehung und Domänenwissen. Ein eigenes Produktionssystem übernimmt wiederholbare Arbeit. Partnernetzwerke ersetzen das Vollsortiment. Methoden, Brand-Systeme, Datenmodelle und Tools werden zu Assets – nicht zu Programmen, die irgendwo auf den Rechnern der Mitarbeitenden installiert sind.

Das kann eine Agentur mit fünf bis acht Menschen sein, die den Output einer früheren Organisation mit 30 Personen ermöglicht. Entscheidend ist nicht die Zahl. Entscheidend ist, ob die Agentur ein System besitzt, das über einzelne Köpfe hinaus Bestand hat.

Damit stellt sich allerdings eine Frage, die die Branche bisher verdrängt: Wer bildet die Seniorleute von 2035 aus, wenn die Juniorarbeit von Maschinen übernommen wird?

Eine zukunftsfähige Agentur braucht deshalb ein Ausbildungsmodell, das nicht nur Output trainiert. Nachwuchs muss früh lernen, Entscheidungen zu begründen, Widersprüche auszuhalten, Kontext zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. Wer diese Ebene organisiert, baut nicht nur Personal auf. Er baut Urteilskraft als Wettbewerbsvorteil.

3. Wachstum: Vom Projekt zur Verantwortung.

Das Erlösmodell muss sich drehen: Produktion wird Beigabe, Urteil wird Produkt.

Das kann konkret heißen: standardisierte Brand-Governance-Audits, Agent-Readiness-Checks, Vertrauensprogramme, Systeme für Markenführung und Retainer für die Steuerung. Nicht bezahlt wird dann die Zahl der Stunden, sondern die Qualität der Entscheidungen und die Verantwortung für deren Folgen.

Dazu kommen Ergebnisbeteiligungen, Erfolgsmodelle und eigene IP. Nicht jedes Geschäft muss zum Principal-Modell werden. Aber eine Agentur, die ausschließlich Zeit gegen Geld tauscht, wird in dem Moment verwundbar, in dem Zeit kein valider Maßstab mehr für Wert ist.

Die Agentur muss dann nicht unbedingt zur Unternehmensberatung werden. Ihre Chance liegt gerade darin, näher an der Marke zu bleiben: an dem Punkt, an dem Haltung, Organisation und Marktversprechen zusammenkommen.

Aus dieser Verschiebung zeichnen sich vier Modelle ab.

Die Vertrauensarchitektin baut Marken, die Menschen und Systeme als glaubwürdig lesen: mit Herkunft, Haltung, Datenqualität und Reputation.

Der Systempartner entwirft und betreibt gemeinsam mit dem Kunden dessen Kommunikations- und Produktionssystem – inklusive Regeln, Technologie, Governance und Ausbildung.

Das Kreativ-Atelier arbeitet bewusst klein, menschlich und teuer. Es verkauft nicht Varianten, sondern Signatur: das Unerwartete, das Kulturelle, das nicht aus einer Optimierungsschleife entsteht.

Die Transformationsbegleiterin verkauft keine Kommunikation als Einzelmaßnahme. Sie hilft Organisationen, Marke als Führungs- und Entscheidungssystem zu nutzen.

Keine dieser Formen verkauft in erster Linie Produktion. Alle verkaufen Urteil, Verantwortung und Kontext. Und keine muss auf 2031 warten. Sie existieren heute bereits in Ansätzen.

Markus hätte 2026 nicht wissen müssen, wie die Welt 2031 exakt aussieht. Er hätte auch nicht jede neue Technologie vorhersehen müssen. Er hätte nur erkennen müssen, dass Effizienz kein Zweck ist.

Eine effizientere Agentur bleibt eine Agentur, wenn sie nur schneller dasselbe tut. Die eigentliche Aufgabe lautet, den eigenen Wert neu zu definieren, bevor der Markt es tut.

Die Frage ist deshalb nicht, ob eine Agentur KI nutzt. Das wird bald keine strategische Unterscheidung mehr sein. Die Frage ist, ob 2031 jemand einen Grund hat, sie anzurufen.

Nabelschau ist keine Strategie. Der Blick nach innen zeigt, was eine Agentur kann. Nur der Blick nach draußen zeigt, was sie wert ist.

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Quellen und Einordnung





































19. September 2026
Ein Beitrag von:
Erich Posselt

Erich Posselt ist Markenstratege und Agenturberater. Er ist Inhaber der Markenagentur Neufrankfurt („Uncomplicate Your Brand“) und Partner bei STRAT FWD („Boost your Agency“). Als Brand Ambassador des Brand Club begleitet er die Debatte rund um das Jahresthema 2026 „Aufbruch Marke“. Als Autor verbindet er Markenarbeit mit Fragen gesellschaftlicher Entwicklung, Konsumkultur und Zukunftsfähigkeit.

Ein zentrales Motiv seiner Arbeit ist der Substanzgewinn, als Gegenentwurf zum reinen Profitstreben und als nachhaltigere Form von Wertschöpfung. „Die Kosten für das billige T-Shirt betragen in Wahrheit nicht 2 Euro, wie es uns die Betriebswirtschaft glauben machen will. Sie sind höher und werden von ‚den anderen‘, also der Gesellschaft, getragen.“ Planet, People, Profit in Einklang zu bringen, ist deshalb Leitprinzip seiner Markenarbeit.

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